Der Digital Workplace war lange vor allem eine Integrationsaufgabe. Unternehmen mussten Kommunikation, Kollaboration, Wissen und Geschäftsanwendungen so zusammenführen, dass Mitarbeitende möglichst reibungslos damit arbeiten können. Mit generativer KI verändert sich diese Fragestellung. Im Herbst 2025 zeichnet sich ab, dass KI nicht nur als zusätzliche Funktion in bestehende Anwendungen einzieht. Sie beginnt, selbst zur Zugangs- und Vermittlungsschicht zwischen Menschen, Informationen, Anwendungen und Prozessen zu werden. KI-Agenten verstärken diese Entwicklung, weil sie nicht nur Informationen erzeugen, sondern zunehmend Arbeitsschritte über Systemgrenzen hinweg koordinieren können.
Einen einheitlichen Begriff für dieses Zielbild gibt es bislang nicht. ISG führt in seinem „Future of Work – Solutions"-Report 2025 bereits eine Kategorie „AI-enabled Digital Workplace Solutions". Capgemini beschreibt einen „AI-native Workplace". Microsoft spricht mit dem Konzept der „Frontier Firm" stärker über das Organisationsmodell hinter Mensch-Agent-Teams. Für diesen Beitrag verwenden wir AI Workplace als übergreifenden Arbeitsbegriff: für eine digitale Arbeitsumgebung, in der KI nicht nur einzelne Anwendungen ergänzt, sondern den Zugang zu Wissen, Kontext und Arbeitsprozessen zunehmend mitorganisiert.
Vom Digital Workplace zur KI-vermittelten Arbeitsumgebung
Diese Entwicklung lässt sich als nächste Stufe der bisherigen Digital-Workplace-Transformation verstehen. Zunächst standen einzelne Werkzeuge und Plattformen im Mittelpunkt: SharePoint für Dokumente, Teams für Kommunikation und Zusammenarbeit, Intranets für Information sowie zahlreiche Fachanwendungen für einzelne Prozesse. Danach verlagerte sich die Diskussion auf die Integration dieser Systeme und eine möglichst konsistente Digital Employee Experience. Mit generativer KI entsteht nun eine weitere Ebene. Nutzende müssen Informationen und Funktionen nicht mehr zwingend selbst in verschiedenen Anwendungen suchen. Sie können ein Ziel oder eine Frage formulieren, während ein KI-System den notwendigen Kontext aus unterschiedlichen Quellen zusammenführt oder geeignete Arbeitsschritte vorbereitet.
Genau diese Entwicklung zeichnet Microsoft im Work Trend Index 2025 als dreistufigen Übergang. In einer ersten Phase arbeitet der Mensch mit einem KI-Assistenten. In einer zweiten Phase kommen Agenten als „digitale Kolleg:innen" hinzu und übernehmen definierte Aufgaben. In einer dritten Phase geben Menschen Ziele und Rahmenbedingungen vor, während Agenten komplette Workflows oder Geschäftsprozesse ausführen und bei Ausnahmen wieder an Menschen übergeben. Microsoft beschreibt damit ein Zielbild und keine bereits flächendeckend erreichte Realität. Dennoch macht das Modell sichtbar, warum der Schritt zu Agenten qualitativ mehr bedeutet als die Einführung eines weiteren Produktivitätstools.
Ein einfaches Beispiel zeigt den Unterschied. In einem klassischen Digital Workplace findet eine Person eine Reiserichtlinie über das Intranet oder die Suche, liest sie und gleicht anschließend selbst eine Abrechnung damit ab. In einem stärker KI-geprägten Workplace kann ein Agent die relevante Richtlinie ermitteln, die eingereichten Daten damit vergleichen, Abweichungen markieren und die nächsten Prozessschritte vorbereiten. Damit das zuverlässig funktioniert, muss allerdings klar sein, welche Quelle gültig ist, welche Zugriffsrechte gelten, wie aktuell die Informationen sind und welche Aktionen das System tatsächlich ausführen darf. Die Qualität des AI Workplace hängt deshalb stärker von der Architektur hinter der Benutzeroberfläche ab als von der Zahl sichtbarer KI-Funktionen.
Was sich durch den AI Workplace verändert
Die Verschiebung betrifft mehrere Ebenen des digitalen Arbeitens gleichzeitig. Sie verändert nicht nur die Benutzeroberfläche, sondern auch die Art, wie Wissen bereitgestellt, Prozesse organisiert und Verantwortung verteilt wird:
- Suche wird stärker dialog- und kontextorientiert. Statt mehrere Systeme einzeln zu durchsuchen, können Mitarbeitende Fragen stellen, deren Antworten auf Informationen aus unterschiedlichen Quellen beruhen.
- Wissensmanagement wird zur Voraussetzung für KI-Qualität. Veraltete Inhalte, unklare Verantwortlichkeiten und falsche Berechtigungen wirken sich unmittelbar auf die Qualität KI-generierter Antworten und Aktionen aus.
- Workflows werden neu zusammengesetzt. Agenten können einzelne Schritte über verschiedene Anwendungen hinweg koordinieren. Damit verschiebt sich die Gestaltungsaufgabe von der Automatisierung einzelner Tätigkeiten zur Neuordnung kompletter Abläufe.
- Menschliche Arbeit verlagert sich teilweise auf Steuerung und Kontrolle. Mitarbeitende müssen häufiger Ziele definieren, Ergebnisse prüfen, Ausnahmen behandeln und entscheiden, wann menschliches Urteil erforderlich bleibt.
Der Work Trend Index 2025 macht deutlich, wie weit die Erwartungen bereits reichen. 46 Prozent der weltweit befragten Führungskräfte geben an, dass ihre Organisation Agenten zur vollständigen Automatisierung von Workflows oder Geschäftsprozessen einsetzt. Für Deutschland liegt der ausgewiesene Wert bei 49 Prozent. Zugleich erwarten Führungskräfte, dass Teams in den kommenden fünf Jahren zunehmend Agenten trainieren und managen werden. Diese Angaben dokumentieren vor allem die Richtung und Wahrnehmung auf Führungsebene. Sie sollten nicht mit einer flächendeckenden operativen Reife gleichgesetzt werden.
Zwischen Zielbild und tatsächlicher Reife
Wie groß die Lücke zwischen Ambition und Umsetzung weiterhin ist, zeigt die Anfang November 2025 veröffentlichte McKinsey-Erhebung „The State of AI in 2025". 62 Prozent der Befragten berichten, dass ihre Organisation zumindest mit KI-Agenten experimentiert. Nur 23 Prozent skalieren agentische Systeme jedoch bereits innerhalb mindestens einer Unternehmensfunktion. In keiner einzelnen Funktion erreicht der Anteil der Organisationen mit skaliertem Agenteneinsatz mehr als zehn Prozent. Fast zwei Drittel der Unternehmen haben mit der unternehmensweiten Skalierung von KI insgesamt noch nicht begonnen.
Beide Befunde widersprechen sich nicht zwingend, da Methodik, Stichproben und Fragestellungen unterschiedlich sind. Zusammen zeigen sie aber den entscheidenden Punkt für die Praxis: Der AI Workplace ist im Herbst 2025 eher Entwicklungsrichtung als erreichter Normalzustand. Agenten sind vorhanden, erste Prozesse werden automatisiert und Hersteller bauen ihre Plattformen darauf um. Die eigentliche organisatorische Skalierung steht in vielen Unternehmen jedoch noch am Anfang. Gerade deshalb greift eine Diskussion zu kurz, die sich nur um die Auswahl einzelner Copilot- oder Agentenprodukte dreht.
Welche Voraussetzungen ein AI Workplace braucht
Mit zunehmender Autonomie verändern sich die Anforderungen an den Digital Workplace. Daten- und Informationsqualität bleiben wichtig, reichen aber allein nicht aus. Unternehmen müssen zusätzlich definieren, welchen Kontext ein Agent nutzen darf, auf welche Anwendungen er zugreifen kann, welche Aktionen zulässig sind und wann ein Mensch eingreifen muss. Gleichzeitig braucht es Protokollierung und Nachvollziehbarkeit, wenn Agenten nicht mehr nur Texte erzeugen, sondern Transaktionen auslösen oder Prozesse verändern.
Wie zentral diese Architekturfragen werden, zeigen auch die unmittelbar vor Veröffentlichung dieses Beitrags vorgestellten Neuerungen der Microsoft Ignite vom 18. November 2025. Microsoft beschreibt Work IQ als intelligente Kontextschicht für Copilot und Agenten, die Arbeitsdaten, Beziehungen und Arbeitsmuster zusammenführt. Parallel wurde Agent 365 als zentrale Steuerungsebene angekündigt, über die Unternehmen Agenten registrieren, Zugriffe kontrollieren sowie Aktivitäten überwachen und absichern sollen. Beide Angebote befanden sich zum damaligen Zeitpunkt teilweise noch im Frontier- beziehungsweise Preview-Kontext. Trotzdem zeigen sie deutlich, wohin sich die Plattformarchitektur entwickelt: Kontext und Governance werden zu eigenen Schichten des digitalen Arbeitsplatzes.
Für Unternehmen ergeben sich daraus vier Gestaltungsfelder: Erstens braucht KI verlässliche Daten-, Wissens- und Berechtigungsstrukturen. Zweitens müssen bestehende Prozesse daraufhin überprüft werden, welche Schritte sinnvoll an Agenten übertragen werden können. Drittens muss Governance nicht nur den Einsatz von Modellen, sondern auch Identitäten, Aktionsrechte und Verantwortlichkeiten von Agenten erfassen. Viertens brauchen Mitarbeitende Kompetenzen, um KI-Ergebnisse zu beurteilen, Aufgaben sinnvoll zu delegieren und bei kritischen Entscheidungen Verantwortung zu übernehmen. McKinsey beschreibt diese Verbindung von Operating Model, Governance, Workforce sowie Technologie und Daten ebenfalls als zentrale Voraussetzung einer entstehenden „agentic organization".
Copilot und Agentic AI sind keine Gegensätze
Eine wichtige begriffliche Unterscheidung betrifft Copilots und Agenten. Copilot beschreibt zunächst ein Interaktions- und Produktkonzept: Ein KI-System unterstützt eine Person innerhalb ihrer Arbeit. „Agentic AI" bezeichnet dagegen stärker die Fähigkeit eines Systems, Ziele zu verfolgen, mehrere Arbeitsschritte zu koordinieren und innerhalb definierter Grenzen selbstständig Aktionen auszuführen. Beides kann miteinander verbunden sein. Microsoft 365 Copilot integriert bereits 2025 unterschiedliche Agenten und wurde auf der Ignite nochmals stärker als Zugangspunkt zu solchen Systemen positioniert. Ein Copilot kann damit selbst zur Oberfläche für agentische Funktionen werden.
Der relevante Übergang verläuft deshalb weniger von „Copilot" zu „Agent", sondern von punktueller Assistenz zu stärker delegierter und orchestrierter Arbeit. Mit jeder zusätzlichen Autonomiestufe steigen zugleich die Anforderungen an Kontext, Kontrolle und menschliche Urteilskraft. Genau an diesem Punkt beginnt sich der AI Workplace vom bisherigen Digital Workplace mit ergänzten KI-Funktionen zu unterscheiden.
Fazit: Der Digital Workplace bekommt eine neue Architekturschicht
Der AI Workplace ist im Herbst 2025 noch kein klar abgegrenzter Marktstandard. Der Begriff beschreibt jedoch eine erkennbare Verschiebung: KI wandert von einzelnen Funktionen in die Architektur des digitalen Arbeitens. Suchsysteme werden dialogorientierter, Wissen wird zum Kontext für KI-Systeme, Agenten greifen auf mehrere Anwendungen zu und Menschen beginnen, nicht nur Software, sondern zunehmend auch digitale Akteure zu steuern.
Für Digital-Workplace-Verantwortliche verschiebt sich damit die zentrale Frage. Sie lautet nicht mehr nur, welche KI-Funktionen im bestehenden Werkzeugportfolio aktiviert werden sollen. Wichtiger wird, welche Informations-, Prozess- und Governance-Architektur benötigt wird, damit KI zuverlässig über diese Werkzeuge hinweg arbeiten kann. Der AI Workplace entsteht deshalb nicht durch den Kauf einer weiteren Plattform. Er entsteht dort, wo Unternehmen ihren digitalen Arbeitsplatz auf die Zusammenarbeit von Menschen, Anwendungen und zunehmend autonomen KI-Systemen vorbereiten.
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- Vom Digital Workplace zur KI-vermittelten Arbeitsumgebung
- Was sich durch den AI Workplace verändert
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- Welche Voraussetzungen ein AI Workplace braucht
- Copilot und Agentic AI sind keine Gegensätze
- Fazit: Der Digital Workplace bekommt eine neue Architekturschicht