Quergelesen #005: Was Arbeit wirklich braucht, wenn KI den Rest übernimmt

KI-Produktivitätsversprechen und KI-Jobabbau-Schlagzeilen prägen die Debatte gerade gleichermaßen stark. Vier aktuelle Funde aus unserer laufenden Beobachtung zeigen, was zwischen beiden Polen oft untergeht: welches Wissen Arbeit eigentlich braucht, wo sie wirklich stockt, wie Führung sich verändert und wie belastbar die großen Zahlen tatsächlich sind.

Vier Blickwinkel auf dieselbe Frage: Was macht Arbeit besser, wenn KI einen wachsenden Teil davon übernimmt?

Wissen, das in keinem Handbuch steht

Gabriele Riedmann de Trinidad

Gabriele Riedmann de Trinidad, Gründerin von platform3l, beschreibt in ihrem LinkedIn-Newsletter "The New Operating System" eine dritte Wissensform, die in Organisationen selten benannt wird. Neben Prozesswissen (was und wie) und Kontextwissen (warum) gibt es Relationship Knowledge: wer die relevanten Stakeholder sind, wer wann einbezogen werden muss, welche Kommunikationskanäle wirklich funktionieren. Dieses Wissen steht in keinem Prozesshandbuch und geht mit jedem Personalwechsel verloren, wenn es nicht aktiv weitergegeben wird. Für Digital-Workplace- und Wissensmanagement-Programme ist das eine unbequeme Lücke, denn sie bilden meist ab, was dokumentierbar ist, nicht das, was Teams tatsächlich zusammenhält.

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Wo Arbeit wirklich stockt

Jacob Morgan

Jacob Morgan, Autor und Gastgeber des Newsletters "Future Ready Leadership", macht in seinem Beitrag "How to Use AI to Remove Friction From Workflows" einen einfachen, aber selten befolgten Punkt: Die meisten Unternehmen nennen es Transformation, wenn sie KI in bestehende Abläufe einfügen, verändern die Abläufe selbst aber nicht. Sein Ausgangspunkt für echtes Work Redesign ist die Frage, wo Arbeit tatsächlich stockt, etwa bei überflüssigen Übergaben zwischen Teams, Wartezeiten oder manueller Koordination zwischen Systemen, die nicht miteinander sprechen. Erst wenn diese Reibungspunkte identifiziert sind, wird sichtbar, welche Aufgaben KI sinnvoll übernehmen kann und welche einfach verschwinden sollten.

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Führung wird zur Coaching-Aufgabe

Eurofound-Report "The shift to hybrid working: Management challenges"

Die EU-Agentur Eurofound kommt in ihrem aktuellen Report zu einem klaren Befund: Nicht mehr der Ort der Arbeit ist die eigentliche Herausforderung im Hybrid-Setup, sondern wie sie koordiniert und geführt wird. Führungskräfte müssen zunehmend als Coaches und Moderatoren auftreten, um Teamzusammenhalt zu sichern, Leistung ohne direkte Sichtbarkeit einzuschätzen und Informationszugang über Standorte hinweg fair zu verteilen. Der Report spricht von stärker expliziter, digital vermittelter Koordination und mehr Eigeninitiative auf Führungsebene, weil sich Teams nicht mehr auf physische Präsenz verlassen können.

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Die Namensprobe: was hinter den großen Zahlen steckt

Christian Pobbig

Christian Pobbig ordnet in seinem Newsletter "Prompt - der KI Newsletter" die aktuellen Zahlen zum KI-bedingten Stellenabbau ein. Laut Challenger, Gray & Christmas wurden zwischen Januar und Juli 2026 in den USA 112.713 Stellenstreichungen explizit mit KI begründet, etwa ein Viertel aller angekündigten Kürzungen insgesamt, fünf Monate in Folge der meistgenannte Grund. Goldman Sachs beziffert den KI-Netto-Effekt auf den US-Arbeitsmarkt auf rund 16.000 Stellen pro Monat. Pobbigs Punkt: Wo dieselben wenigen Unternehmensnamen die Schlagzeilen tragen, ist der tatsächliche Anteil am Gesamtarbeitsmarkt oft kleiner, als die Bilanzsumme vermuten lässt, eine "Namensprobe", die vor vorschnellen Verallgemeinerungen schützt.

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Vier unterschiedliche Blickwinkel, eine gemeinsame Beobachtung: Was Arbeit im KI-Zeitalter besser macht, entsteht selten im Tool selbst, sondern in Wissen, Prozessen und Führung drumherum, und die Zahlen zur Verdrängung sind nüchterner zu lesen, als es die Schlagzeilen suggerieren.

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